KURZBIOGRAFIE

Pavel Liber ist ein belarusischer Software-Ingenieur und Senior Director beim IT-Unternehmen EPAM Systems. Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2020 rief er mit anderen die Plattform „Golos“ (Stimme) ins Leben – einem Online-Tool, das die Fairness der Wahlen bewerten und eine alternative Auszählung der Stimmen ermöglichen soll.

PAVEL LIBER – BELARUS

„Diese Wahlen haben für uns alle alles verändert.“

Pavel, stellen wir uns vor, es ist Anfang 2020. Sie arbeiten an der Spitze eines erfolgreichen IT-Unternehmens. Sie verdienen gutes Geld. Der Präsidentschaftswahlkampf hat noch nicht begonnen. Haben Sie sich damals schon für Politik interessiert? Vor dieser Präsidentschaftswahl habe ich mich nie mit Politik beschäftigt. Die IT-Branche war in Belarus schon immer eine recht gut bezahlte Branche. Für die Leute, die dort arbeiteten, gab es keine Probleme, in Belarus zu leben. Sie bekamen die Macht des Regimes nicht so zu spüren. Nicht vergleichbar mit dem, was jetzt los ist. Einfach war es trotzdem nicht, weil die COVID-19-Pandemie ausgebrochen war und die Regierung von Belarus das Virus verharmloste. Aber ehrlich gesagt, ich und viele andere in der IT-Branche hatten mit Politik nicht viel am Hut. Diese Wahlen haben aber für uns alles verändert.

Ich war ein Topmanager in einem der größten belarusischen IT-Unternehmen. Wir haben viele Freiwilligenprojekte mit verschiedenen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen durchgeführt. Als wir angefangen haben, „Golos“ (Stimme) zu entwickeln, dachte niemand daran, dass es sich um ein politisches Projekt handeln würde. Damit sollte eigentlich hauptsächlich nur die Auszählung unserer Stimmen überprüft werden, denn in Belarus sind die Präsidentschaftswahlen völlig intransparent. Wir haben eine Plattform entwickelt, auf der die Leute Fotos ihrer Wahlzettel hochladen können. Wir haben die von uns gesammelten Daten mit den von der Regierung vorgelegten offiziellen Ergebnissen verglichen und dabei große Verfälschungen und Unterschiede festgestellt. Dieses Projekt hat mein Team und mich selbst zu Bürgern gemacht, die Tools und Lösungen entwickeln, um die Transparenz zu erhöhen und den demokratischen Prozess zu verbessern. Jetzt gibt es nicht nur „Golos“, sondern eine ganze Reihe von Produkten und Portalen, die den Menschen in Belarus helfen, für ihre Rechte zu kämpfen.

Belarus 2020 von Anna Redko

Sie sagten, die Wahlen von 2020 haben alles verändert. Was genau war denn so anders? Ich denke, es ist eine Kombination aus mehreren Faktoren. Der erste war COVID. Die Menschen in Belarus waren sehr wütend, weil die Regierung die Pandemie ignorierte und den Ärzten und Menschen keine Unterstützung zusagte. Aber ich glaube, es gab auch eine Art technologische Evolution, denn in den letzten fünf Jahren sind überall digitale Kanäle aufgetaucht. Immer mehr Menschen wurden darüber in Kenntnis gesetzt, dass es möglicherweise zu zahlreichen Fälschungen kommen würde. Alle Taten, die unsere Regierung unternommen hat, um alternative Kandidaten zu verhindern oder Menschen für ihre politischen Ansichten zu bestrafen, wurden durch diese digitalen Kanäle für jedermann bekannt. Ich schätze, dass vor fünf Jahren nur etwa 30 Prozent der Menschen einen breiten Zugang zum Internet hatten und sich dafür interessierten, was im Lande vor sich ging. Jetzt würde ich erwarten, dass es 60 bis 70 Prozent sind. Heute ist das eine ganz andere Situation.

Wie sind Sie während des Wahlkampfes auf die Idee gekommen, dass IT zur Unterstützung des demokratischen Prozesses eingesetzt werden könnte? Das ist wahrscheinlich der einzige Bereich, in dem wir handlungsfähig sind, denn der physische Raum ist vollständig von Militär und Polizei besetzt. Unsere Regierung ist davon überzeugt, dass sie alle Probleme lösen kann, indem sie Menschen verhaftet, inhaftiert und aus dem Land vertreibt. Im digitalen Raum sieht es aber völlig anders aus. Der gesamte IT-Sektor in Belarus war eigentlich immer schon privat. Es gibt keine guten Spezialisten, die in staatlichen Unternehmen arbeiten. Und unsere Regierung ist, was moderne IT-Technologien angeht, überhaupt nicht auf dem Stand der Dinge. Das war ein Bereich, in dem wir einen gewissen Wettbewerbsvorteil hatten und immer noch haben. Wir können schnell handeln und den Menschen in Belarus Lösungen anbieten, unabhängig davon, wo sich das Entwicklungsteam befindet.

Jetzt im Nachhinein sehen wir, welche Auswirkungen die Plattform „Golos“ auf den politischen Prozess hatte, welchen Schlag sie dem Regime versetzte. Als Sie das Projekt entwickelt haben, was haben Sie sich davon erhofft? Ehrlich gesagt, wir machten uns Sorgen, dass unsere Plattform die gleichen Ergebnisse zeigen würde, wie die der offiziellen Stellen. Und wir hatten auch nicht erwartet, dass so viele Menschen teilnehmen würden. Schließlich kamen aber mehr als eine Million Menschen in Belarus auf unsere Plattform und mehr als 500.000 Menschen schickten ihre Fotos. Und das während des totalen Internet-Blackouts, den wir vier Tage lang hatten. Als die Regierung ein paar Tage vor den Wahlen auf uns aufmerksam wurde, bezeichnete sie uns als Terroristen. Als die Menschen von unserer Regierung gesagt bekommen haben, dass wir „Terroristen“ seien und sie uns nicht trauen sollten, meldeten sich noch mehr auf der Plattform an. So läuft das in Belarus: Wenn die Regierung dir sagt, dass etwas schlecht ist, solltest du es auf jeden Fall ausprobieren, denn in Wirklichkeit ist es etwas Gutes. Als wir diese Aufmerksamkeit bekamen, wurde uns klar, dass es für uns sicherer wäre, nicht in Belarus zu sein; und wir erkannten auch, dass es definitiv einen Unterschied zwischen unseren Ergebnissen und den offiziellen Zahlen geben wird.

Konnten alle Mitglieder Ihres Teams das Land ohne Probleme verlassen? Ich verließ Belarus am 23. oder 24. Juli 2020, als wir die Plattform gerade gestartet hatten. Ich bekam einen Anruf von einem Freund, der Verbindungen zur Polizei hatte, und er sagte mir: „Die reden hier alle von dir, und ich empfehle dir dringend, das Land sofort zu verlassen.“ Ich nahm mein Gepäck und ging nach Istanbul. Unser gesamtes Team hat dasselbe getan. Wir sind überzeugt, dass das die richtige Entscheidung war, denn unser Bericht wurde von den USA, der EU und der OSZE aufgegriffen. Bei all dieser Aufmerksamkeit würden wir bei einer Rückkehr nach Belarus mit Sicherheit inhaftiert werden. Wir halten unser Team auch weiterhin anonym. Sie versuchen gar nicht, nach Belarus zurückzukehren, weil unsere Polizei, der KGB und andere Einheiten damit beschäftigt sind, diejenigen zu identifizieren, die solche Plattformen betreiben.

Nach den Wahlen haben Sie weitergemacht und neue Wege gefunden, die Protestbewegung zu unterstützen. Warum haben Sie nicht aufgehört? Wie nutzen Sie die Plattform jetzt nach den Wahlen? Man kann nicht aufhören. Es gab massive Fälschungen, Bestrafungen, viele Menschen wurden auf der Straße verprügelt oder getötet. Man kann nicht damit aufhören. Wir befinden uns wahrscheinlich erst in der Mitte dieses Prozesses. Er ist immer noch im Gange, vor allem im digitalen Raum, weil im physischen Raum, also vor Ort, ist das sehr schwer umzusetzen. Wir haben begonnen, unsere Plattform für digitale Umfragen zu nutzen. Mit einer Million registrierter Personen kann man ziemlich aussagekräftige Ergebnisse darüber erhalten, was die Menschen in Belarus denken. Wir unterstützen die Menschen damit, denn bei all diesen Märschen und Initiativen konnten sie über die Plattform überprüfen, wie viele sich gerade daran beteiligten. Als sie sahen, dass gerade 100.000 Menschen auf der Straße sind, wurde ihnen klar, dass es noch viele Menschen wie sie gibt. Wir stecken jetzt auch in der Entwicklung von belarusdaily.org, wo wir jeden Tag des Prozesses verfolgen und aufzeichnen, weil uns bewusst geworden ist, dass wir dies als zukünftige digitale Geschichte für unsere Kinder aufbewahren müssen, damit sie verstehen können, was während und nach diesen Präsidentschaftswahlen geschah. Wir begannen auch mit der Entwicklung eines weiteren Produkts namens Digital Solidarity. Das ist eine mobile App, über die man Spenden den Menschen zukommen lassen kann, die vom Regime bestraft wurden. Sie fasst verschiedene Stiftungen und zivilgesellschaftliche Organisationen zusammen, um alles an einem Ort zu haben.

Alles, was Sie mit „Golos“ und Ihren anderen Projekten gemacht haben, kann als ein Beitrag zum Schutz der Menschenrechte interpretiert werden. Aber ich glaube, Sie sehen sich gar nicht als Menschenrechtsverteidiger. Wie schätzen Sie Ihre Tätigkeiten ein? Ich denke, es hat nichts mit Politik zu tun. Außerdem versuche ich, etwas Abstand zwischen mir und den ganzen politischen Organisationen zu halten. Ich denke, es sind zwei verschiedene Welten – Technologie und Politik. Wir verfolgen ein recht einfaches Ziel – dass, die Menschen in den digitalen Raum einbezogen und digitale Hilfsmittel entwickelt werden, die ihr Leben vereinfachen, den Wandel vorantreiben und sie dabei unterstützen. Unser Publikum ist riesig, mehr als eine Million Menschen. Wir brauchen keine politischen Organisationen oder bezahlte Werbung einschalten, um zu erklären, was und warum wir das tun, denn wir haben bereits das Vertrauen der Menschen. Andererseits arbeiten wir aktiv mit den demokratischen Kräften zusammen, die sich derzeit im Ausland aufhalten, wie die Büros von Sviatlana Tsikhanouskaya oder Pavel Latushka . Das sind großartige Menschen, die Großartiges leisten, um Belarus zu unterstützen. Wir versuchen, zusammenzuarbeiten und die Aktivitäten der anderen zu fördern.

Die letzte „Golos“-Kampagne war eine Umfrage unter der belarusischen Bevölkerung über die friedlichen Verhandlungen mit der Regierung. Warum haben Sie gerade diese Frage gestellt? Glauben Sie, dass es noch möglich ist, mit dem Regime zu verhandeln? Das war, meiner Meinung nach, ein Beispiel für die großartige Partnerschaft, die wir mit dem Büro von Sviatlana Tsikhanouskaya haben. Nach dem Winter herrschte in Belarus eine völlig depressive Stimmung, die Polizei war auf den Straßen und die Menschen hatten Angst, ihre Häuser zu verlassen. Mit dieser Umfrage wollten wir eine Reihe von Zielen erreichen. Zum einen sollte Belarus wieder in den Blickpunkt der internationalen Öffentlichkeit gerückt werden, um zu zeigen, dass es dort immer noch viele Menschen gibt, die Veränderungen fordern. Dann wollten wir den Menschen in Belarus auch zeigen, dass es noch viele gibt, die wie sie denken. Auch wenn man es nicht auf der Straße sehen kann, gibt es Hunderttausende Menschen, die im virtuellen Raum zusammenkommen. Und der dritte Grund war, unserer Regierung zu zeigen, dass wir immer noch zu Verhandlungen bereit sind. Vor dieser Umfrage gab es Informationen, dass unsere Regierung kurz davor steht, militärische Kräfte gegen die Demonstranten einzusetzen. Das war das erste Mal in der Geschichte von Belarus. Wir wollten zeigen, dass wir keinen Krieg brauchen, sondern nur friedliche Verhandlungen und wir dazu bereit sind. Natürlich glaubt niemand, dass Lukashenka zu friedlichen Verhandlungen bereit sein wird. Es war eine Botschaft an die Elite um Lukashenka, nicht an ihn selbst. Wir haben neun Monate nach den Wahlen bereits 800.000 Menschen und weltweit viel Aufmerksamkeit erreicht, und das ist großartig, denn es ist sehr wichtig, dass Belarus in den internationalen Medien präsent ist.

Was würden Sie gerne in einem freien und demokratischen Belarus tun? Würden Sie sich weiterhin sozialen Projekten widmen oder wieder im IT-Sektor tätig werden? Ich möchte mich auf jeden Fall in verschiedenen sozialen Projekten engagieren, weil es für mich und viele andere Programmierer in meinem Umfeld spannend ist, Menschen durch die Bereitstellung von digitalen Tools helfen zu können. Ich möchte mich aber von der ganzen Politik fernhalten, weil ich glaube, dass wir in Zukunft wahrscheinlich gar keine Politiker mehr brauchen werden. Ich möchte in dem Land leben, in dem ich geboren wurde. Ich möchte den Menschen hier helfen, indem ich verschiedene Lösungen entwickle und ihnen erkläre, wie einfach und transparent diese sind. Warum haben wir diese Situation in Belarus? Denn viele Menschen wussten einfach nicht, dass es eine Alternative geben kann. Ich denke, gerade jetzt ist es eine sehr wichtige Mission für uns, für unsere demokratischen Bewegungen, IT-Spezialisten und Freiwilligen, den Menschen zu zeigen, dass es ein völlig anderes Belarus geben kann.