MU SOCHUA – KAMBODSCHA

„Man versucht es bis zum Ende, und wenn es kein Ende gibt, macht man weiter."

Wie würden Sie die Lebensbedingungen in Kambodscha von heute beschreiben? Besonders seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie ist die Situation sehr kompliziert. Hun Sen [Premierminister von Kambodscha seit 1985, Anm. d. Red.] hat die ganze Stadt [Phnom Pen] abgeriegelt, ohne den Menschen etwas zu essen zu geben. Hunderte Menschen, die sich in den sozialen Medien beschwerten und protestierten, wurden entweder verhaftet oder wegen der Verbreitung von „Fake News“ belehrt. Aber in Wirklichkeit waren sie hungrig, verängstigt, mussten die Stromrechnung bezahlen, die Schulden, sie wussten nicht, was sie ihren Kindern am nächsten Tag zu essen geben sollten, und das im Jahr 2021! Ihre Mägen sind immer noch leer. Sie haben große Mühe und ihre Rechte werden verletzt.

Wie war es, eine liberale Politikerin in Kambodscha zu sein, und ist es im Laufe der Zeit einfacher geworden, sich als liberal zu bezeichnen? Als ich Ministerin und Parlamentsabgeordnete war, und mich als Liberale bezeichnete, musste ich meine Position ständig verteidigen. Ich wurde oft gefragt: „Unterstützen Sie die LGBT-Bewegung? Warum?". Ich kämpfte gegen geschlechtsspezifische Gewalt, häusliche Gewalt und sprach sogar Tabuthemen wie Vergewaltigung in der Ehe an. Das ist sehr liberal, aber wenn man ehrlich ist, dann geht es eigentlich um Menschenrechte. Stellen Sie sich vor, dass diese Person Ihre Frau, Ihr Kind, Ihre eigene Tochter ist, die unter demselben Dach lebt. Sie gehört zu Ihrer Familie und Sie verteidigen ihre Rechte. Das ist eine Pflicht, eine Verantwortung, die im Gesetz steht. Heute muss ich immer noch rechtfertigen, warum ich bestimmte Dinge verteidige. Zum Beispiel gab es vor Kurzem den Fall einer Frau, die in einem Auto fast vergewaltigt wurde, aber entkommen konnte. Sie ist eine TV-Moderatorin in Kambodscha. Das wurde zu einer wirklich großen Sache, weil der Beteiligte ein Bonze der Regierungspartei war. Ich habe das auf Facebook erwähnt. Aber dann habe ich Kommentare gelesen wie: „Sie ist einfach nur Abschaum. Jeder, der in der Unterhaltungsbranche arbeitet, ist Abschaum“. Wie kann man das sagen? Es ist nicht nur wichtig, sie zu verteidigen. Es ist eure Verantwortung, unsere Verantwortung, sie zu verteidigen.

Guzwid für die diesjährige HUMAN RIGHTS IN ASEAN – The Cartoonists Perspective Exhibition

Wie wichtig ist die Redefreiheit für die Förderung von Freiheit und Demokratie? Sobald man Zugang zu Informationen hat, fängt der Verstand an zu arbeiten – man fängt an, kritisch zu denken, und man möchte, dass die Menschen für ihr eigenes Leben und das Leben anderer kritisch denken. Für mich ist es sehr wichtig, verschiedenen Quellen zu haben und daraus die richtigen Informationen zu erhalten. Es sollen Informationen sein, die ein kritisches Denken fördern. Es stimmt, wenn man seinen Geist befreit, nimmt man sich die Fesseln ab, die einen gefangen halten. Für mich hat diese vollständige Freiheit absolute Wichtigkeit.

Welche Rolle spielt es für Ihre Arbeit und Ihren Einsatz für die Menschenrechte, dass Sie eine Frau sind? Das spielt eine große Rolle. Als Frauen teilen wir die Probleme, die wir zu bewältigen haben. Manchmal ist es eine moralische Herausforderung. Wenn man eine Sexarbeiterin verteidigt, zum Beispiel. Aber wer wird sie verteidigen, wenn nicht Sie als Frau, die einen gleichen Körper hat? Wenn ich mich für andere Frauen einsetze, habe ich gelernt, eine Balance zwischen den Emotionen und der Realität herzustellen. Außerdem nutze ich ein Hilfsmittel, das mir dabei hilft, meine Ziele zu erreichen: das Gesetz. Mit Wut allein wird man keine Prozesse gewinnen. Unter Anwendung der Gesetze geht das, aber selbst damit kann man immer noch verlieren. Man schafft es mit Strategie, Fürsprache, Vernetzung und Verbündeten.

Was sind die persönlichen Konsequenzen Ihres Aktivismus? Als Konsequenz meiner Offenheit und meines Einsatzes für Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenrechte und Würde befinde ich mich im Exil. Dazu kommt, dass man abgestempelt wird. Man kann das nicht mit einem Wort beschreiben – es führt dazu, dass man an seinen Taten und nicht nach seiner Person beurteilt wird. Sie können über dich urteilen, indem sie dich respektieren, oder sie können über dich urteilen, indem sie sagen, dass du ein Unruhestifter ist.

Erst kürzlich wurde in Kambodscha ein Urteil gegen Sie gefällt. Was ist passiert? Ich wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Man hat es mir nicht gestattet, nach Hause zurückzukehren, um mich vor Gericht zu verteidigen, obwohl ich es versucht habe. Sie haben mir meinen Pass weggenommen. Bei der kambodschanischen Botschaft in Washington, DC, durften wir nicht einmal ein Visum beantragen. Sie gaben eine Stellungnahme ab, in der sie sich rechtfertigten, indem sie uns als „Terroristen“ bezeichneten. Wären wir Terroristen, dann hätten sie uns nach Kambodscha zurückbringen und vor Gericht bringen sollen. Sie hätten sogar die US-Behörden bitten können, diese „Terroristin“ zu verhaften – und ich hätte mich gerne verhaften lassen. Zumindest hätte ich nach Hause zurückkehren können, um unsere Rechte zu verteidigen. Genau darum geht es bei der Verteidigung der Menschenrechte, und das ist die Last, die man als Menschenrechtsverteidiger zu tragen hat. Man kann es sich nicht leisten, zu sagen: „Ich gebe auf“. Man macht so lange weiter, bis es zu Ende ist, und wenn es kein Ende gibt, dann macht man weiter.

Sie sind in den sozialen Medien viel Hass ausgesetzt. Welche Ihrer Aussagen rufen diese Hetze hervor, und welche Beschimpfungen müssen Sie über sich ergehen lassen? Ich bin fast jeden Tag live auf Facebook, und manchmal habe ich bis zu einer halben Million Zuschauer. Es gibt drei Arten von Kommentaren. Diejenigen, die einen unterstützen, natürlich. Das sind nicht nur die Mitglieder meiner Partei, sondern alle, die pro-demokratisch denken. Dann gibt es diejenigen, die sich in der Mitte befinden und drittens diejenigen, die die regierende Kambodschanische Volkspartei (CPP) unterstützen. Einer der schlimmsten Hasskommentare war, als jemand sagte, er wolle etwas in mich hineinstecken und es explodieren lassen – in mir drinnen, damit ist meine Vagina gemeint! Ich erhalte auf Facebook ständig sexistische Kommentare. Wie man solche Kommentare erträgt? Meine Tochter sagt immer: „Mama, lies sie einfach nicht!“ Aber sie sind einfach da.

Was macht das mit Ihnen? Zu Beginn des Tages, wenn ich alles einschalte und öffne, schaue ich nicht auf die Kommentare, denn manchmal löst schon eine Kleinigkeit viele Emotionen aus. Ich stricke oft, wenn ich mich mit unserem Team in Kambodscha und mit Sam Rainsy [ehemaliger Oppositionsführer in Kambodscha, jetzt ebenso im Exil, Anm. d. Red.], der ebenfalls viel gewaltverherrlichende Hetze und Drohungen erhält, unterhalte oder über Demokratie debattiere. Ich stricke große Pullover für alle meine Familienmitglieder, aber keiner von ihnen ist perfekt. Bei dem letzten, den ich für meine Enkelin gestrickt habe, waren die Maschen völlig falsch, aber ich mache sie nicht noch mal neu, weil sie ein Teil der Geschichte sind, des Kampfes für Rechte und Demokratie. Ich sage meiner Familie dann: „Seht ihr, das passierte, als wir für diese Sache gekämpft haben, und das da habe ich gemacht, als ich einer tapferen Frau zugesehen und zugehört habe, die sich die Seele aus dem Leib geweint hat, wegen der Schmerzen, den sie zu ertragen hatte".

Als eine Menschenrechtsverteidigerin außerhalb Kambodschas sind Sie die Augen und Ohren für die internationale Gemeinschaft, um diese über die Geschehnisse in Ihrem Heimatland zu informieren. Nehmen Sie sich selbst auch so wahr? Ich versuche, mich nicht nur auf Kambodscha zu konzentrieren und offener für andere Menschenrechtsthemen und Demokratien in anderen Teilen der Welt zu sein. Menschenrechtsfragen sind globale Fragen, die man in einen Kontext stellen muss. Aber ich bin auch in anderen Bereichen tätig. Zurzeit lebe ich in den USA, und wir haben hier auch eine kambodschanische Gemeinschaft. Erst kürzlich wurde eine Zählung veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass nur 16 % der Kambodschaner:innen in den USA einen Hochschulabschluss haben. Und wir haben die höchste Zahl an Sozialhilfeempfängern. Deshalb spreche ich jetzt zu meiner Gemeinschaft und sage: Das darf so nicht sein Wir sind hier in Amerika. Das ist das System. Wir sind Teil dieses Systems. Wir zahlen Steuern. Wir müssen uns engagieren. Wir müssen für Ämter kandidieren.

KURZBIOGRAFIE

Mu Sochua ist eine kambodschanische Politikerin und Menschenrechtsaktivistin. Danach gefragt, ob sie sich eher als Menschenrechtsverteidigerin oder als Politikerin bezeichnen würde, antwortete sie: „Weder noch, ich bin beides. Zusammen mit den qualifizierten Adjektiven liberal und demokratisch“.