KURZBIOGRAFIE

Cecillia Chimbiri ist eine Pro-Demokratie Aktivistin, Politikerin und Menschenrechtsverteidigerin in Simbabwe. Im Jahr 2019 wurde sie die erste weibliche stellvertretende Vorsitzende der Nationalen Jugend für die MDC-Allianz (Movement for Democratic Change) und wird im Jahr 2023 für ein öffentliches Amt kandidieren. Sie hat jungen Frauen den Weg in die Politik geebnet.

CECILLIA CHIMBIRI – SIMBABWE

„Wir können den Wandel und die Entwicklung vorantreiben.“

Warum sind Sie eine Pro-Demokratie Aktivistin und Politikerin geworden? Es ist mir ein echtes Anliegen, nicht nur in meinem Land Simbabwe, sondern in ganz Afrika positive Veränderungen zu sehen. Mir wurde bewusst, dass Tyrannei, Korruption sowie wirtschaftliche und geschlechtsspezifische Ungleichheit unser Land fest im Griff hatten. Der politische Aktivismus gab mir die Möglichkeit, diese Missstände zu bekämpfen und zum Aufbau eines besseren Simbabwe beizutragen. Noch wichtiger ist, dass ich mich als junge Frau schon immer für die Stärkung von Jugendlichen und Frauen eingesetzt habe. Ich möchte Frauen und junge Menschen inspirieren und ihnen zeigen, dass auch wir uns weiterentwickeln und Veränderungen schaffen können. Als Frauen haben wir das Potenzial, große Führungspersönlichkeiten zu sein und Veränderungen zu bewirken, wo immer wir sind. Seit Langem schon verbreitet unsere Regierung Angst und nutzt Einschüchterungstaktiken, um ihre Bürger in die Knie zu zwingen. Sich dieser Taktik zu beugen, sollte keine Option sein. Ich glaube, dass es meine Pflicht, unsere Pflicht ist, für dieses Land zu kämpfen und es wieder zum Wohlstand zu führen. Nelson Mandela hat einmal gesagt: Man kann keine Leidenschaft finden, wenn man sich klein macht – wenn man sich mit einem Leben zufrieden gibt, das hinter dem zurückbleibt, welches man zu leben imstande ist. Diese Worte waren für mich eine Inspiration auf meinem politischen Weg.

Rose von Daria Sazanovich

„Ich bin von einem unerschütterlichen Glauben an die Gleichheit aller Menschen getrieben. Ich liebe mein Land und glaube fest daran, dass wir Simbabwe zur Demokratie zurückführen und unsere Wirtschaft umkrempeln können.“
Cecillia Chimbiri

Was ist Ihre persönliche Motivation, sich für den demokratischen Wandel und für freie und unabhängige Wahlen in Simbabwe einzusetzen? Der unerschütterliche Glauben an die Gleichheit aller Menschen treibt mich dazu an. Ich liebe mein Land und glaube fest daran, dass wir Simbabwe zur Demokratie zurückführen und unsere Wirtschaft wieder aufbauen können. Freie und unabhängige Wahlen geben den Bürgern die Möglichkeit, ihre Anführer zu wählen. Eine vom Volk gewählte Regierung ist dem Volk gegenüber rechenschaftspflichtig und beugt sich dem Willen des Volkes. Die Menschen in Simbabwe haben schon lange keine freien und fairen Wahlen mehr erlebt. Wir müssen dafür kämpfen, dass die Bürger von Simbabwe wieder das Sagen haben. Aufgrund Ihrer Arbeit und Ihrer pro-demokratischen politischen Sichtbarkeit haben Sie letztes Jahr etwas Schreckliches erlebt. Möchten Sie uns erzählen, was passiert ist? 2020 war ein schwieriges und herzzerreißendes Jahr für mich. Die weltweite Covid-19-Pandemie kam zu einem Zeitpunkt, als der Gesundheitssektor in Simbabwe bereits am Boden war. Als politische Aktivistin habe ich mich anderen Oppositionsführern angeschlossen und bin in Harare auf die Straße gegangen, um gegen die Regierung zu protestieren, die sich während des Lockdowns nicht um die Armen gekümmert hat. Wir wollten die Regierung auf die Not der Jugendlichen, Frauen und älteren Menschen aufmerksam machen, die unter dem Lockdown sehr zu leiden hatten. Mit Plakaten in den Händen gingen wir in den Warren Park, um eine Blitzdemonstration durchzuführen. Als wir ankamen, tummelten sich dort schon viele Leuten herum. Die meisten davon, so glauben wir, waren Infiltranten sowie schwer bewaffnete Bereitschaftspolizisten und Soldaten. Wir nahmen an, dass die Polizei und die Soldaten dort waren, um sicherzustellen, dass die Demonstranten nicht gegen die Covid-19-Regeln verstießen, und dass sie bald wieder abziehen würden. Nach etwa 10 Minuten wurde Tränengas in die Menge geschleudert. Ich weiß noch, dass ich mich in einem nahen gelegenen Hause versteckt habe, von dem ich wusste, dass es MDC-Anhängern gehörte. Nach etwa einer halben Stunde schien sich die Lage beruhigt zu haben und ich machte mich auf die Suche nach meinen Leuten. Wir diskutierten über die sicherste Rückzugsstrategie, da für uns die Lage immer noch zu gefährlich war. Wir beschlossen, den Weg zurückzugehen, den wir gekommen waren, da wir davon ausgingen, dass uns die Polizei nicht erwischen würde, wenn wir in die entgegengesetzte Richtung gingen. Das haben wir völlig falsch eingeschätzt. Kurz nachdem wir einen Covid-19-Kontrollpunkt in der Nähe des Nationalen Sportstadions passiert hatten, bemerkten wir einen Lieferwagen, der uns verfolgte. An einem anderen Kontrollpunkt wurden wir angehalten und aufgefordert, Dokumente vorzulegen, die uns erlaubten, während eines Lockdowns unterwegs zu sein. Wir gaben ihnen unsere Dokumente. Bevor wir weiterfahren konnten, fuhr ein Auto hinter uns ran und blinkte uns an. Zwei Polizisten stiegen aus, kamen zu unserem Auto und sagten uns, dass wir auf Fotos der Proteste im Warren Park identifiziert wurden und jetzt verhaftet sind. Wir fuhren zur Polizeistation von Harare. Auf dem Weg dorthin lächelte ich, eine Art Schutzmechanismus, den ich mir in der Vergangenheit angeeignet hatte, wenn ich verhaftet wurde. Meine Mutter rief mich währenddessen an, weil sie von meiner Verhaftung erfahren hatte. Ich wollte sie nicht beunruhigen und sagte ihr, dass alles unter Kontrolle sei und sie sich keine Sorgen machen müsse. Als wir bei der Station ankamen, forderte uns die Polizei auf, draußen zu parken und in ihren Van zu steigen, der hinter uns fuhr. Wir baten darum, auf unsere Anwälte zu warten, aber man sagte uns, dass die Anwälte angewiesen würden, uns zu folgen. Der Van hatte hinten keine Sitze und verdunkelte Fenster, sodass wir nicht hinaussehen konnten. Als wir eingestiegen waren, bemerkte ich drei weitere Männer in dem Van. Wir mussten uns hinlegen und wir fuhren davon, angeblich zurück zur Polizeistation Warren Park. Nach einer Weile wurde mir klar, dass wir schon zu lange unterwegs waren, um nach Warren Park zu fahren. Als der Wagen dann noch schneller wurde, begriff ich, dass wir wahrscheinlich entführt werden. Ich hatte so viel Angst, ich konnte nicht sprechen oder mich bewegen, und dann drückte einer der Männer mit seinem großen Stiefel meinen Kopf gegen den Boden. Als wir aus dem Wagen stiegen, sah ich nur ein altes, halb fertiges Gebäude und überall hohes Gras. Wir gingen durch das Gebäude zu einer dunklen Kammer. Mit ihren Taschenlampen zwangen uns die Männer dort hinein. Ich hatte da schon solche Angst, dass ich mir wünschte, sie würden mich schnell töten. Die Männer fingen an, uns mit einem Seil zu schlagen und sie forderten uns auf, das nachzuspielen, was wir bei der Demonstration gemacht hatten. Uns war kalt, wir zitterten und wussten nicht, wann diese Tortur ein Ende haben würde. (...) Ich war so müde, ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Ich konnte nicht mehr sagen, wie spät es und was für ein Tag es war. Ich kann mich nicht erinnern, eingeschlafen zu sein, aber vielleicht bin ich zwischen den Schlägen eingeschlafen. (...) Einmal wachte ich auf und sah, wie mir einer der Männer die Kleider vom Leib riss. Ich erinnere mich noch an sein böses Gesicht, das mich angrinste. (...) Ich hatte solche Angst, weil ich dachte, sie würden uns töten. Wir wurden wieder in den Van gesteckt und mussten uns wie zuvor auf den Boden legen. Wir waren gefühlte zwei Stunden unterwegs, ohne zu wissen, wohin. Ich war müde und schlief immer wieder ein. Dann kam das Auto quietschend zum Stehen. Die Tür ging auf und Netsai, die bei der Tür saß, wurde aus dem Wagen geworfen. Ich schrie und dachte, sie würden sie mit dem Auto überfahren. Stattdessen starteten sie das Auto, fuhren davon und ließen sie mitten auf der Straße liegen. Im Losfahren warfen sie Joanna hinaus, und ich hörte, wie ihr Körper auf der Straße aufschlug. Das Auto wurde wieder etwas langsamer und man warf mich hinaus, dann raste es davon und verschwand. (...) Draußen was es kalt und dunkel und ich konnte deshalb nicht viel sehen. In der Ferne hörte ich Schreie. Ich versuchte aufzustehen, aber hatte noch nicht die Kraft dazu. Ich kroch über den Boden, bis ich wieder stehen konnte. Da ich nun wieder gehen konnte, wollte ich als Erstes nach Hilfe suchen. Ich sah mich um, und es war kein einziges Haus in der Nähe. Ich ging die Straße entlang, bis ich an einer Hütte vorbeikam. Ich ging hin und klopfte an die Tür, und es dauerte eine Weile, bis jemand reagierte. Sie zögerten, mir die Tür zu öffnen, da es mitten in der Nacht war und ich ein Dieb hätte sein können. Sie stellten mir viele Fragen, bevor sie schließlich die Tür öffneten. Gott beschütze sie! (...) Wir hatten keine andere Wahl, als die Nacht hier zu verbringen. Da die Hütte für uns alle zu klein war, machten die Besitzer in ihrem Hühnerstall Platz und wir legten uns dort zum Schlafen hin. Wir wachten auf und sahen, dass Hilfe eingetroffen war. Leiter der MDC-Allianz mit der Polizei und unseren Anwälten waren da. Sie brachten uns schnell ins Krankenhaus. Ich wurde gegen meinen Willen verschleppt und festgehalten. Ich wurde geschlagen und sexuell missbraucht. Ich habe großes Glück, dass ich heute noch am Leben bin, auch dank der Bemühungen über die sozialen Medien, die ständig auf unser Verschwinden aufmerksam machten, sodass unsere Entführer den Druck der Öffentlichkeit spürten und uns gehen ließen. Ich bin nicht die erste Person, die entführt wurde, aber ich wünsche das niemandem. Die Regierung hat jegliche Beteiligung an unserem Verschwinden abgestritten. Wir meldeten unsere qualvollen Erlebnisse der Polizei, aber unser Fall wurde nie untersucht. Stattdessen wurden wir beschuldigt, unsere Entführung vorgetäuscht zu haben, und sind weiter schikaniert worden. […] Ich glaube, dass der Tag kommen wird, an dem die Wahrheit ans Licht kommt und wir frei sein werden. (...) Seit Mai 2020 habe ich niemandem mehr von dieser Tortur erzählt. Ich nehme psychologische Hilfe in Anspruch, um meine seelischen Schmerzen bewältigen zu können. Immer noch breche ich zusammen, wenn ich an die Grausamkeiten denke, die ich an diesem Tag erleiden musste. Es fällt mir immer noch sehr schwer, offen über alle Einzelheiten zu reden, die uns widerfahren sind. Ich bin dankbar für die Gelegenheit, etwas von dem zu erzählen, was uns zugestoßen ist. Kann man die Straftaten als einen Wendepunkt in Ihrem Leben bezeichnen? Nein. Meine Qualen halten mich nicht davon ab, für Veränderungen in Simbabwe zu kämpfen. Diese schrecklichen Erfahrungen haben mich sogar noch stärker und entschlossener gemacht. Ich bin heute hier, weil ich die unermessliche Unterstützung der Medien, meiner simbabwischen Landsleute und der internationalen Gemeinschaft erfahren habe. Ich habe auch viel psychologische Unterstützung erhalten. Ich bin an dieser Tragödie nicht zerbrochen, sondern sie ist zu einem wichtigen Ereignis in meinem Leben geworden. Ja, ich war wütend. Ich war traurig. Ich war enttäuscht. Aber ich habe all diese Emotionen in positive Energie umgewandelt, sodass ich mich umso mehr auf den vor uns liegenden Kampf konzentrieren kann. Ich betrachte dies nun als eine weitere Hürde in meinem Kampf für mehr Gerechtigkeit bei Menschenrechtsverletzungen in unserem Land. Als ich im Krankenhaus lag, nutzte ich die Gelegenheit, meine Geschichte zu erzählen. Ich war der Meinung, dass die Welt erfahren sollte, was uns zugestoßen ist. Ich bildete mir ein, dass dadurch die Gräueltaten des Mnangagwa-Regimes zutage kommen würden. Ich dachte, dass die Polizei eine gründliche Untersuchung unserer Entführung und Folter einleiten würde und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Ich war naiv genug zu glauben, dass durch die Aufdeckung und Aufklärung unserer Misshandlung im Auftrag von staatlichen Akteuren solche Dinge nie wieder passieren würden. Wie habe ich mich doch geirrt. Für uns wurde es nur noch schlimmer. Wir wurden beschuldigt, unsere Entführung vorgetäuscht und Unwahrheiten zum Schaden des Staates veröffentlicht zu haben, desselben Staates, der für unser Leid verantwortlich war. Die staatlich organisierten Entführungen gehen ungestraft weiter. Das Motiv für diese Entführungen ist offensichtlich: Regierungskritiker sollen abgeschreckt und die Menschen davon abzuhalten werden, gegen die Regierung Mnangagwas zu protestieren. Aber ich beuge mich nicht der Angst. Ich werde nicht aufgeben. Ich werde daran nicht zerbrechen. Das ist für mich erst der Anfang. Wir müssen weiterkämpfen, wo immer wir sind und wann immer wir können. Menschenrechtsverteidiger sind keine eigenständige Berufsgruppe, sondern sie zeichnen sich durch ihr Handeln aus. Was sind Ihre wichtigsten Aktivitäten und Aktionen in diesem Bereich? Ich nutze hauptsächlich Proteste, um für das Volk zu sprechen. Politischer Aktivismus ist auch ein Instrument, mit dem ich Menschenrechtsverletzungen anzeige. Ich nutze außerdem die sozialen Medien, um gegen Menschenrechtsverletzungen zu kämpfen. Ich bin auf Facebook, Twitter und Instagram. Ich nutze diese Plattformen, um die Aufmerksamkeit auf Menschenrechtsverletzungen zu lenken und für positive Veränderungen zu kämpfen. Ich glaube an die Macht der Vielzahl. Ich erzähle weiterhin meine Geschichte, während die Regierung mich weiterhin verfolgt. Ich erhalte über die sozialen Medien viel Unterstützung. Menschenrechtsverteidiger wie Sie gelten als Augen und Ohren der internationalen Gemeinschaft für die Menschenrechtslage in ihrer Gesellschaft. Inwieweit trifft diese Beschreibung auf Sie zu? Als politische Aktivistin nutze ich meine Plattform, um auf Menschenrechtsverletzungen in Simbabwe aufmerksam zu machen. Im Anschluss an meine Entführung und Folterung durch den Staatsapparat habe ich im vergangenen Jahr die sozialen Medien genutzt, um auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, die in Simbabwe unvermindert passieren. Ich habe mich nachdrücklich gegen Menschenrechtsverletzungen wie Folter, willkürliche Verhaftungen und Inhaftierungen, Vertreibungen und den fehlenden Zugang zu ordentlichen Gesundheitseinrichtungen ausgesprochen. Ich sammle Informationen über Menschenrechtsverletzungen in Simbabwe und verbreite sie auf meinen Social-Media-Plattformen. Ich möchte, dass die Welt erfährt, was in Simbabwe geschieht.